Sommer 1962


Buch Grenzsoldat

Im Sommer 1962 wollte ich mit meinen Freund Eberhard  von meiner Heimatstadt Bad Salzungen in Thüringen  für einen kleinen Urlaub an die Ostsee trampen. Wir kamen nur bis
Löwenberg und landeten hinter Gittern!






Dieses Foto entstand zu dieser Zeit. Ich war absoluter Tauchsportfan. Wollte in wärmere Länder zum Tauchen. Denn so einen schicken Neoprenanzug, wie der der da auf dem Tisch lag, hatte ich nicht. Ich hab beim Tauchen in den DDR Gewässern immer jämmerlich gefroren. Hier gibt es einen Link zu der Story  über meinen Tauchsportlehrer.

Taucher



Die heutige Schule in Berlin Stralau war Anfang der sechziger Jahre ein Jugenwerkhofdurchgangslager. Dort begannen unbeabsichtigt meine "Abenteuer" mit der Berliner Mauer.
Schule Stralau

Hier wurde ich mit meinen Freund Eberhard wegen versuchten bewaffneten Grenzdurchbruck "eingebuchtet". Die Wochen dort waren für mich schon eine irre Erfahrung als Jugendlicher. Was dort so abging, habe ich in meinem Buch aber weniger beschrieben. Das hätte den Rahmen gesprengt. Fakt war, ich saß dort praktisch vollkommen unschuldig "ein".  Die Typen, die dort auch noch "inhaftiert" waren, waren schon zum Teil von einem anderen Schlag. Ein Teil war wirklich kriminell, ein Teil hatte nur Probleme mit den Eltern und wurde deswegen "weg gesperrt". Einige wurden eingebuchtet, weil sie lange Haare hatten oder nur eine große Fresse gegenüber der Berliner Polizei hatten. Es reichte schon, wenn man im Ostbahnhof ohne Fahrkarte von der Transportpolizei aufgegriffen wurde.

Irgendwie war es auch aber auch dort eine komische Schule des Lebens. Von den Erziehern hat man da weniger was gelernt. Die "Lehrmeister" waren da mehr die anderen "Inhaftierten". Das waren schon mal ausgekochte Jungs. Man lernte Kippentütchen rauchen.  Geldbesorgungen mit Hilfe einer Telefonzelle organisieren. Wie ging sowas? Ganz einfach. Man knickte eine Fahrkarte der Deutschen Reichsbahn und platzierte die  Fahrkarte in  den "Geld zurück Schacht". Da jedes 5./6. Telefongespräch nicht zustande kam, kam das Geld zurück. Das sammelte sich dann auf der geknickten Karte und wurde geerntet. Dann gab es die Trebegänger, die in der DDR damals zwar selten vor kamen, aber es gab sie auch. "Heranwachsende, die das Elternhaus verlassen und versuchen, sich ohne regelmäßige  Arbeit allein durchzuschlagen, weil sie mit den Wertvorstellungen der  Eltern nicht zurechtkommen. Aber auch  Nichtseßhafte und  Obdachlose sind "auf  Trebe", sind   Trebegänger."

Die "Treber" wußten, wo man umsonst in der DDR essen konnte. Wie? Auch ganz einfach. Man mogelt sich in einen Großbetrieb rein und geht in die Mittagskantine.

Tricks zum Thema Sex hatten die dort auch drauf, da konnte man als ahnungsloser Jugendlicher aus der Provinz nur die Ohren anlegen. 
Dann wurde vom ersten Stock zum Erdgeschoß geknutscht. "Komm icke zeige dir das" sagte dann einer und schleppte mich zu einem Fenster. Dan grölte der nach unten "Ulrike, Rike zeig dir mal". Die Ulrike erschien am Fenster und der Typ hat der von oben in die ausgestreckten Hände gespuckt. Und so in dem Informationsrahmen ging das täglich weiter. Ich kannte von meinem Opa ein paar Zaubertricks, Kartentricks und Zinken und war relativ schnell  in dieser wilden halbkriminellen Truppe anerkannt. Mein Freund Eberhard, der viel, viel zurückhaltender als ich war, fand diese seltsamen Schulungen weniger erbaulich. Er litt ganz schön und hatte Heimweh.

Als wir dann letztendlich aus Berlin mit Pauken und Trompeten rausgeschmissen wurden, war er es, der auf die Idee kam, die von der Ostberliner Polizei spendierte Fahrkarte einfach in Berlin Schönefeld gegen Geld zurück zu tauschen, um dann trotzdem per Anhalter nach Thüringen zu fahren. Von dem schönen Geld hat sich dann Eberhard in Eisenach Aquariumsfische gekauft.

An die "Erzieher" im Jugendwerkhof habe ich keine schlechten Erinnerungen. Denn, einige Jahre später hab ich mich sogar zu so einem Studium als Erzieher "für Schwererziehbare" beworben. Um ein Haar wäre ich es auch geworden.

Aber irgendwie einen kleinen Drall zur Pädagogik muß ich damals bekommen haben.
Ich wurde Ingenieurpädagoge. Mein Link zum Thema Studieren in der DDR gibt es hier
D5/72.  Die Erfahrungen, die ich damals im Jugendwerkhofdurchgangslager sammelte, war manchmal auch ein kleines Fundament, um mit den abgedrehtesten Typen fertig zu werden. Ich war ja gewissermaßen auch mal so ein "Typ".

Das komlette Kapitel dazu findet man in meinem Buch "Grenzsoldat" aus dem Ronald Hande Verlag




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